Werkzeugkoffer des Anforderungsvermittlers

Abb. 1: Der Werkzeugkoffer des Anforderungsvermittlers

 

Der Umgang mit Anforderungen ist häufig komplex, daher sollte dieser strukturiert angegangen werden. Der Werkzeugkoffer der Anforderungsfabrik ist eine Zusammenstellung von konkreten Methoden, Handlungsempfehlungen und Hilfestellungen, die sich im Berateralltag bewährt haben. Die Anforderungsvermittlung ist hierbei in fünf Aktivitätsgruppen eingeteilt.

 

(1) Ausrichten

Zu Beginn sollten die Wünsche und Bedürfnisse der Stakeholder aufgenommen und prägnant ausformuliert werden. Der Anforderungsvermittler sollte in dieser frühen Phase bereits klare Kenntnis über den ungefähren Umfang erlangen, im besten Fall beratend mitgestalten. Es ist wichtig, zu Beginn eines jeden Projektes, sowie nach jeder Projektphase oder Iteration zu prüfen, ob das Projekt korrekt ausgerichtet ist. Weiterhin werden zu Beginn alle Einflussfaktoren identifiziert, die auf den Projekt Scope einwirken.

  • Bedarf formulieren
    Welche Wünsche und Bedürfnisse haben die Stakeholder? Prägnante Beschreibung, um einen Projekt Scope definieren zu können.

  • Scope definieren
    Auf Managementebene wird gemeinsam mit dem Projektleiter und dem Anforderungsvermittler der Scope gemäß dem Bedarf definiert.

  • Einflussfaktoren ermitteln
    Sammlung aller Einflussfaktoren, die auf das Vorgehen des Anforderungsvermittlers einwirken.

 

(2) Einbinden

Für das Gewinnen der richtigen Anforderungen sind die Anforderungsquellen entscheidend:

  • Stakeholder identifizieren
    Eine Nichtberücksichtigung von Stakeholdern erzeugt Risiken, da bestimmte Anforderungen an das System nicht erkannt werden könnten. Um diese Risiken zu minimieren, ist die Erarbeitung einer vollständigen Stakeholderliste notwendig.

  • Weitere Quellen identifizieren
    Neben den relevanten Stakeholdern sollten auch weitere Anforderungsquellen identifiziert werden. Das könnten Dokumente wie Unternehmensrichtlinien, Normen, Gesetze oder Anforderungsspezifikationen sowie bestehende Systeme sein. Eine Sammlung von Fehlerberichten oder Beschwerden aus dem Vorgängersystem kann eine wertvolle Anforderungsquelle sein.

 

(3) Ermitteln

Bei dem Ermitteln der Anforderungen aus den erkannten Quellen ist Methodenkenntnis und Kreativität gefragt. Projektabhängig müssen hier die richtigen Techniken erkannt und eingesetzt werden:

  • Ermittlungstechnik wählen
    Termin- und Budgetvorgaben, Verfügbarkeit der Stakeholder sowie die Erfahrung des Anforderungsvermittlers sind wesentliche Einflussfaktoren bei der Auswahl der Technik. Es können Befragungen (z.B. Interviews oder Fragebögen), Kreativtechniken (z.B. Brainstorming oder Methode 6-3-5), dokumentenzentrierte Techniken (Systemarchäologie bzw. perspektivenbasiertes Lesen) oder Beobachtungstechniken (z.B. Feldbeobachtung oder Apprenticing) zu Einsatz kommen.

  • Anforderungen ermitteln
    Nach der Auswahl der geeigneten Technik(en), wird diese häufig mehrfach angewandt, um Anforderungen schrittweise aufzunehmen.

 

(4) Dokumentieren

Die Ergebnisse des ‚Ermitteln‘ der Anforderungen müssen geeignet und nachhaltig dokumentiert werden. Das Dokumentieren von den aufgenommenen Anforderungen ist ein zentraler Baustein eines erfolgreichen Projektes. Hier entstehen Verträge mit Lieferanten, Lasten- und Pflichtenhefte und Product Backlogs. Bei agilen Projekten werden die Anforderungen mittels Epics und User Stories prägnant beschrieben und anschließend gemeinsam mit den Stakeholdern intensiv diskutiert sowie iterativ vervollständigt. Bei Projekten nach klassischen Vorgehensmodellen ist die Eindeutigkeit ausschlaggebend für die Projektlaufzeit und das Budget.

  • Qualitätskriterien, Kategorien und Dokumentenrichtlinien festlegen
    Nutzung von Satzschablonen, Beachtung von Qualitätskriterien (z.B. gemäß ISO/IEC/IEEE 29148-2011 oder INVEST) und Definition einer Grobstruktur für das Anforderungsdokument.

  • Anforderungen spezifizieren / modellieren
    Formulierung von Anforderungen mittels natürlicher Sprache sowie Nutzung von Modellen (z.B. mittels UML- und / oder BPM-Notation)

  • Anforderungen konsolidieren & priorisieren
    Die Anforderungen der verschiedensten Stakeholder werden zusammengetragen und nach einem festgelegten Schema priorisiert. Hierbei ist es wichtig, dass die Anforderungen vollständig dokumentiert und alle Konflikte aufgelöst sind. Konflikte finden sich in widersprüchlichen Anforderungen und können unterschiedlichen Ursprung haben. Oft haben die beteiligten Stakeholder verschiedene Interessen am Projekt und Produkt.

  • Anforderungen prüfen
    Die Qualitätsaspekte für Anforderungen lassen sich in Inhalt (u.a. Vollständigkeit, Verfolgbarkeit und Konsistenz), Dokumentation (u.a. Konformität zum Dokumentationsformat und zur Dokumentationsstruktur) und Abgestimmtheit (u.a. Abstimmung nach Änderungen sowie Auflösung jeglicher Konflikte) unterteilen und sollten nach jeder Phase bzw. Iteration geprüft werden.

 

(5) Steuern

Nicht nur über Entwicklungsphasen hinweg, sondern auch in einzelnen Phasen, ist das Steuern der Abläufe wichtig. Der Anforderungsvermittler stellt einen zentralen Ansprechpartner dar.

  • Kommunikation fördern
    Im gesamten Projektverlauf wird viel kommuniziert. Daher ist eine sinnvolle Steuerung unabdingbar. Der Anforderungsvermittler muss Entscheidungen und Ergebnisse zielgerichtet kommunizieren, um die Stakeholder über den Projektverlauf effizient einbinden zu können.

  • Änderungen managen
    Von der Idee bis zur vollständigen Anforderungsspezifikation werden sich einzelne Anforderungen ändern, das ist sicher. Die Änderungen und Entscheidungen müssen dokumentiert und abgestimmt sein, damit alle betroffenen Entwicklungsartefakte entsprechend angepasst werden können. Im agilen Umfeld lohnt es sich oft nicht alle Änderungen nachzuhalten, da Änderungen durch den kurzen Entwicklungszyklus in neuen Anforderungen aufgehen.

  • Vorgehen sicherstellen
    Hier ist nicht nur das Projektvorgehen im Fokus, sondern das korrekte Vorgehen bei der Anforderungsvermittlung. Das bedeutet, der Umgang mit dem Werkzeugkoffer der Anforderungsvermittlung sollte sinnvoll und effektiv sein.

  • Phasen planen
    Der Anforderungsvermittler sollte die Folgeaktivitäten im Blick haben und vorausschauend planen. Nur so kann er in einem großen Projektteam alle relevanten Stakeholder immer im Boot haben.

  • Motivation schaffen
    Um Business und IT optimal zu verbinden ist ein motiviertes Projektteam notwendig.

Die Aktivitäten müssen in jeder Phase bzw. in jeder Iteration wiederholt durchgeführt werden:

 

Rahmenwerk der Anforderungsfabrik

Abb. 2: Das Rahmenwerk der Anforderungsfabrik

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